Wie sich Fähigkeit bei Kindern Schritt für Schritt entwickeln...
Schere schneiden lernen!
Das führt nicht selten zu Sorgen, obwohl diese Beobachtungen in den meisten Fällen völlig normal sind. Schere schneiden ist keine einzelne Fähigkeit, die man „einfach übt“. Vielmehr handelt es sich um ein Zusammenspiel verschiedener körperlicher, motorischer und kognitiver Entwicklungsprozesse. Genau deshalb verläuft diese Entwicklung nicht linear und nicht bei allen Kindern gleich.
In diesem Beitrag möchten wir erklären, wie sich das Schere schneiden typischerweise entwickelt, warum Kinder dabei sehr unterschiedliche Wege gehen und wie Eltern ihr Kind sinnvoll unterstützen können – ohne Druck und ohne falsche Erwartungen.
Warum Schere schneiden für Kinder so anspruchsvoll ist:
Beim Schere schneiden arbeiten viele Fähigkeiten gleichzeitig zusammen. Das Kind muss die Handbewegung steuern, die nötige Kraft dosieren und gleichzeitig mit den Augen verfolgen, was es tut. Dazu kommt die zweite Hand, die das Papier hält und führt, sowie die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit über eine gewisse Zeit aufrechtzuerhalten.
Diese Anforderungen entstehen nicht gleichzeitig. Manche Kinder haben bereits eine gute visuelle Wahrnehmung, können ihre Hände aber noch nicht gezielt steuern. Andere sind motorisch recht geschickt, verlieren jedoch schnell die Konzentration. Wenn einzelne dieser Grundlagen noch nicht ausreichend entwickelt sind, wirkt Schere schneiden für Kinder anstrengend oder überfordernd – selbst dann, wenn sie sich sehr bemühen.
Wichtig ist deshalb zu verstehen, dass Ungenauigkeiten oder Vermeidung kein Zeichen von mangelnder Motivation oder fehlendem Willen sind, sondern Hinweise auf den aktuellen Entwicklungsstand.
Ab wann Kinder mit der Schere schneiden können:
Eine häufige Frage von Eltern lautet: „Ab welchem Alter sollte mein Kind mit der Schere schneiden können?“ Diese Frage lässt sich nicht mit einer festen Altersangabe beantworten. Entwicklung verläuft individuell und orientiert sich nicht an starren Zeitpunkten.
Bereits im Kleinkindalter beginnen Kinder, wichtige Grundlagen für das spätere Schneiden zu entwickeln. Sie reißen Papier, knüllen es zusammen oder drücken Materialien mit den Händen. Diese Tätigkeiten erscheinen auf den ersten Blick simpel, sind aber entscheidend für den Aufbau von Handkraft, Materialgefühl und Bewegungssteuerung.
Die Schere selbst kommt meist erst im Alter von etwa zwei bis drei Jahren ins Spiel. Auch dann geht es zunächst nicht darum, „richtig“ zu schneiden, sondern darum, das Werkzeug kennenzulernen und Sicherheit im Umgang damit zu gewinnen.
Die Entwicklung des Schneidens bei Kindern:
Am Anfang der Entwicklung stehen die sogenannten Vorläuferfertigkeiten. Kinder nutzen ihre Hände vor allem zum Entdecken. Sie drücken, ziehen, reißen und knüllen Materialien, ohne ein konkretes Ziel zu verfolgen. Diese Erfahrungen sind notwendig, damit das Kind ein Gefühl dafür bekommt, wie viel Kraft es einsetzen muss und wie sich unterschiedliche Materialien verhalten.
Im nächsten Schritt beginnt das Kind, die Schere überhaupt zu akzeptieren. Sie wird in die Hand genommen, gedreht, ausprobiert und oft noch mit beiden Händen gehalten. Die Fingerhaltung ist dabei noch nicht festgelegt. In dieser Phase geht es nicht um Leistung, sondern um Vertrautheit. Das Kind lernt, dass die Schere ein Werkzeug ist, das zur eigenen Hand gehört.
Sobald das Kind beginnt, die Schere bewusst zu öffnen und zu schließen, entwickelt sich die grundlegende Schneidbewegung. Diese Bewegung ist anfangs meist ruckartig und wird häufig mit dem ganzen Arm unterstützt. Gleichzeitig ist die zweite Hand, die später das Papier führen soll, noch wenig aktiv. Dennoch ist dieser Schritt entscheidend, denn hier versteht das Kind erstmals die Funktionsweise der Schere.
Darauf folgt das gezielte Durchschneiden von Material. Die Richtung spielt dabei noch keine Rolle. Das Kind erlebt vor allem den Effekt seiner Handlung: Es schneidet etwas durch. Diese Erfahrung ist für die Motivation besonders wichtig, denn sie vermittelt Erfolg und Selbstwirksamkeit. Genauigkeit ist in diesem Stadium noch kein Ziel.
Erst später beginnt das Kind, sich an Linien zu orientieren. Gerade Linien werden mit den Augen verfolgt, auch wenn der Schnitt noch häufig davon abweicht. Viele Kinder reagieren in dieser Phase sensibel auf Fehler und vergleichen ihr Ergebnis mit Erwartungen von außen. Deshalb ist es wichtig, Abweichungen als normalen Teil des Lernprozesses zu betrachten und nicht zu korrigierend einzugreifen
Wenn Richtungswechsel hinzukommen, steigt die Anforderung deutlich. Das Kind muss lernen, beim Schneiden anzuhalten, die Schere neu anzusetzen und das Papier mit der Haltehand zu drehen. Diese Fähigkeit setzt eine zunehmende Planung und Koordination beider Hände voraus und entwickelt sich meist erst im Vorschulalter.
Das Schneiden von Kurven erfordert eine noch feinere Steuerung. Die Bewegung muss ständig angepasst werden, ohne klare Richtungswechsel. Gleichzeitig wird mehr Ausdauer benötigt. Es ist völlig normal, dass Kinder in dieser Phase schneller ermüden oder ungenauer werden.
Sobald Kinder beginnen, Formen oder Motive auszuschneiden, wird das Schneiden zielgerichtet. Die Reihenfolge der Schnitte wird geplant, kleine Ungenauigkeiten können eher toleriert werden und das Ergebnis bekommt Bedeutung. Das Schneiden dient nun einem Zweck, etwa im Bastelkontext oder im Alltag.
Am Ende dieser Entwicklung steht das automatisierte Schneiden. Die Bewegung läuft weitgehend unbewusst ab, sodass das Kind sich auf den Inhalt oder das Ziel der Tätigkeit konzentrieren kann. Schere schneiden wird nun selbstverständlich eingesetzt, etwa in der Schule oder bei kreativen Aktivitäten.
Warum Vergleiche selten hilfreich sind!
Viele Eltern vergleichen die Fähigkeiten ihres Kindes mit denen anderer Kinder. Dabei entsteht schnell der Eindruck, das eigene Kind sei „langsamer“ oder „ungeschickter“. Tatsächlich verläuft Entwicklung jedoch nicht gleichmäßig. Kinder können einzelne Schritte überspringen, länger in einer Phase bleiben oder zeitweise Rückschritte zeigen.
Entscheidend ist nicht, wie sauber ein Kind schneidet, sondern wie sicher es sich dabei fühlt. Frustration, Vermeidung oder schnelles Aufgeben sind oft Hinweise darauf, dass die Anforderungen nicht zum aktuellen Entwicklungsstand passen.
Wann Ergotherapie unterstützen kann:
Eine ergotherapeutische Begleitung kann sinnvoll sein, wenn ein Kind beim Schere schneiden dauerhaft stark frustriert ist, die Tätigkeit konsequent vermeidet oder grundlegende Entwicklungsschritte über längere Zeit nicht gelingen. In der Ergotherapie geht es nicht darum, einfach mehr zu üben, sondern gezielt die Fähigkeiten zu fördern, die dem Kind aktuell noch fehlen.
Dabei werden Anforderungen angepasst, Materialien variiert und das Kind dort abgeholt, wo es steht.
Eine kleine Übungsidee für zu Hause:
Eltern können ihr Kind auch im Alltag spielerisch unterstützen. Eine einfache Möglichkeit ist es, regelmäßig kurze Handspiele in den Alltag einzubauen. Papier darf gerissen oder geknüllt werden, Knete kann gedrückt und geformt werden. Erst danach kann die Schere dazukommen, zunächst ohne Linien oder Vorgaben.
Wichtig ist, dass das Kind selbst bestimmen darf, wie lange es sich damit beschäftigen möchte. Lob sollte sich auf das Ausprobieren und Mitmachen beziehen, nicht auf das Ergebnis. Sobald Frust entsteht, ist eine Pause sinnvoll.
Wenn Eltern die Entwicklung ihres Kindes verstehen, fällt es leichter, Druck herauszunehmen und unterstützend zu begleiten. Gerne unterstützen auch wir von der Ergotherapie Praxisnah jederzeit gerne!
